Europas Einstellung zum Radfahren ändert sich (und zwar zum Guten)
Als Gründer von Cycle Norway habe ich Jahre damit verbracht, Rad zu fahren, zu dokumentieren und Ressourcen für Radfahrer zu erstellen, die dieses Land erkunden. Mir ist klar, dass Radfahren nicht mehr nur eine Freizeitbeschäftigung für eine kleine Gruppe ist, sondern sich zu einem Eckpfeiler der Art und Weise entwickelt, wie Menschen reisen, Europa entdecken und erleben wollen.
Der jüngste Fortschrittsbericht der EU zeigt, dass der Radverkehr auf höchster politischer Ebene ernst genommen wird. Milliarden fließen jetzt in Infrastruktur, Zugang und Integration. Dabei geht es nicht nur um Radwege in Städten, sondern um die Gestaltung der Zukunft von Tourismus und Mobilität. Für Cycle Norway ist es eine Bestätigung, dass die von uns eingeschlagene Richtung mit der Europas übereinstimmt: grüner, gesünder und nachhaltiger zu reisen.
Eine Welle von Investitionen
Für den Zeitraum 2021 bis 2027 hat die EU 4,5 Milliarden Euro für den Radverkehr vorgesehen, von denen 3,2 Milliarden Euro direkt aus EU-Mitteln stammen. Das entspricht über 12 000 km neuer oder verbesserter Radwege. Hinzu kommen weitere 1,3 Mrd. EUR aus der Fazilität für Konjunkturbelebung und Krisenbewältigung, und wir reden hier über echtes Geld, nicht über symbolische Gesten.
Das ist beispiellos. Jahrzehntelang hat die EU Milliarden in Autobahnen, Eisenbahnen und Flughäfen gesteckt. Der Radverkehr spielte nur selten eine Rolle, außer als Kuriosität in Stadtplanungsdokumenten. Jetzt steht er endlich auf der Landkarte, nicht nur in Amsterdam und Kopenhagen, sondern auch in Litauen, das 2024 seine erste nationale Radverkehrsstrategie auf den Weg gebracht hat, und in Brüssel, wo KMUs bis zu 4.000 Euro Zuschüsse für Lastenräder erhalten können.
Eine neue Vision des Radfahrens
Der Bericht hebt mehrere wichtige Punkte hervor, die einen kulturellen Wandel verdeutlichen:
Radfahren als Mittel gegen Verkehrsarmut. Fahrräder, E-Bikes und Lastenräder bieten kostengünstige Mobilität. Mit Subventionen für einkommensschwache Haushalte macht die EU das Radfahren zur Sozialpolitik und nicht nur zum Verkehr.
Radverkehrsdaten in großem Maßstab. Die Radfahren zählt kartiert Europas Radwege und hat bereits über 900.000 km Infrastruktur erfasst. Zum ersten Mal wird Europa über eine zuverlässige Grundlage verfügen.
Integration mit den Städten. Die städtischen TEN-T-Knotenpunkte müssen nun die aktive Mobilität in die Pläne für nachhaltige städtische Mobilität integrieren. Im Klartext: Wenn Ihre Stadt EU-Mittel erhält, muss das Radfahren Teil des Plans sein.
Gleichberechtigung und Integration. Neue Programme in Straßburg zielen darauf ab, das Radfahren unter Frauen und Jugendlichen in benachteiligten Vierteln zu fördern. Dies zeigt, dass Radfahren nicht nur etwas für die Lycra-Fans ist, sondern als zugängliches, demokratisches Verkehrsmittel neu definiert wird.
Kurz gesagt, das Radfahren ist nicht länger eine Randnotiz. Es ist eine Säule der Mobilitätspolitik, die direkt mit Klima, Gesundheit und Integration verbunden ist.
Die Norwegen-Frage
Norwegen ist nicht in der EU, aber es kann diesen Wandel nicht ignorieren. EU-Vorschriften und Finanzierungsströme wirken sich grenzüberschreitend aus, sei es durch EWR-Abkommen, Tourismusströme oder politischen Einfluss. Die Tatsache ist einfach: Wenn das übrige Europa ein modernes, vernetztes Radverkehrsnetz aufbaut und Norwegen dies nicht tut, läuft das Land Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten.
In den letzten zehn Jahren hat Norwegen erhebliche Fortschritte bei der städtischen Fahrradinfrastruktur gemacht. Kommunen wie Oslo investieren massiv in getrennte Radwege, neue Fahrradautobahnen und umfassende Pläne für die städtische Mobilität. So investiert Oslo etwa 13,8 Milliarden NOK in die Entwicklung von 510 km neuer Radverkehrsinfrastruktur. Diese Bemühungen spiegeln eine moderne Denkweise wider: Radfahrer sind nicht mehr nur eine Randerscheinung, sondern integraler Bestandteil einer gesunden, lebenswerten Stadt. Die Veränderungen in der Infrastruktur auf städtischer Ebene sind real und bedeutsam.
Trotz dieser großen Fortschritte in den Städten bleibt jedoch eine eklatante Lücke, wenn man über die Stadtgrenzen hinausgeht. Während andere europäische Länder weitreichende, gut vernetzte Radverkehrsnetze aufbauen, werden in Norwegen viele Radrouten immer noch als landschaftlich reizvolle Einzelstücke und nicht als Teil eines zusammenhängenden nationalen Netzes behandelt. In einem Bericht heißt es: Wenn das übrige Europa ein modernes, zusammenhängendes Radwegenetz aufbaut und Norwegen dies nicht tut, läuft das Land Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten. Vor allem für Radtouristen sind nahtlose Routen zwischen den Städten, multimodale Optionen (z. B. einfache Fahrradmitnahme in Zügen) und einheitliche Infrastrukturstandards wichtig. Leider erfüllt Norwegen einige dieser Kriterien nur teilweise.
Norwegen vermarktet sich selbst stark über den Naturtourismus, aber ohne eine angemessene Fahrradinfrastruktur gelingt es nicht, die wachsende Welle von Radtouristen zu erfassen, die sichere, verbundene und nachhaltige Routen suchen.
Die Zukunft des Fahrradtourismus in Europa
Für den Fahrradtourismus bedeutet dies eine Umstellung. Die Infrastruktur steuert das Verhalten. Wenn man sichere, durchgängige Netze baut, fahren die Menschen mehr, Einheimische und Touristen gleichermaßen. Fügt man Subventionen für E-Bikes und Lastenräder hinzu, werden plötzlich Familien, Senioren und weniger sportliche Reisende zu potenziellen Radtouristen.
In Europa gibt es bereits mehr als 900.000 km Radwege, aber die Qualität ist sehr unterschiedlich. Im kommenden Jahrzehnt wird es darum gehen Anhebung der Standards:
sicherere, breitere und klimagerechte Radwege,
mehr Ladestationen für E-Bikes,
bessere Logistik und Parkplätze,
grenzüberschreitende Verbindungen zwischen Netzen.
Der Europäische Radfahrerverband fordert EU-weite Ziele: 10-12% Anteil des Fahrrads am Verkehrsaufkommen bis 2030. Wenn dieses Ziel erreicht wird, wird der Strom der Radtouristen größer, vielfältiger und stärker verbreitet sein als je zuvor.
Für Norwegen ist die Lektion klar. Europa bewegt sich schnell. Es werden Milliardenbeträge investiert. Es werden Standards gesetzt. Der Radtourismus wird ein zentraler Pfeiler des umweltfreundlichen Wandels in der EU werden.
Wie Kommissar Apostolos Tzitzikostas es ausdrückte:
"Radfahren ist viel mehr als nur ein Verkehrsmittel. Es trägt zu sauberer Luft, gesünderen Gemeinden und besser zugänglichen und menschenfreundlicheren Städten bei.
Abschließende Gedanken von Cycle Norway
Cycle Norway wurde aus der Überzeugung heraus gegründet, dass Reisen langsamer, sinnvoller und in der Natur verwurzelt sein sollte. Aus Brüssel kommt nun die Erkenntnis, dass Radfahren in all diesen Bereichen Vorteile bringt: Mobilität, Tourismus und Gesundheit.
Der Druck wächst: In ganz Europa ist der Radtourismus kein Nischendasein mehr, sondern wird zum Kernstück der Art und Weise, wie Menschen reisen, Orte entdecken und sich mit ihnen auseinandersetzen. Die Europäische Union hat Milliarden für die Fahrradinfrastruktur bereitgestellt und die Standards steigen. Damit Norwegen aus seiner immensen Naturschönheit Kapital schlagen und die weltweite Welle von Radtouristen anziehen kann, muss das Land seinen Ansatz verbessern. Das bedeutet, dass man von "landschaftlich reizvollen Routen" zu "zusammenhängenden Netzwerken" übergehen muss, fahrradfreundliche Verkehrsverbindungen sicherstellen muss (insbesondere Kombinationen aus Zug und Fahrrad auf langen Strecken) und den Radtourismus als strategisch und nicht als nebensächlich betrachten muss. Ohne diese Ausrichtung läuft Norwegen Gefahr, von Reisenden umgangen zu werden, die mehr als nur eine idyllische Aussicht erwarten - sie erwarten Kontinuität, Sicherheit und Kapazität.